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Fußball-WM in Ghana

Autor: Melle | Datum: 01 Juli 2014, 19:20 | 3090 Kommentare

Es ist Fußball-WM und ich bin in Ghana. Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung. Die Fußball-WM in einem anderen Land zu verbringen. Die Viertelfinalspiele sind auch schon fast durch. Aber ich will euch etwas von meinem Jubel, meinen Emotionen und meinen Erfahrungen während der WM erzählen. 

Die Auslosung der Vorrungengruppen. Portugal, USA, Deutschland UND Ghana. Zwei Länder, die ich meine Heimat nenne. Das Spiel sollte sehr interessant werden. Im Vorfeld hat man immer auf den Straßen, von Freunden, von Bekannten gehört: „We will score you!“ (Wir werden euch besiegen). Anfangs habe ich das nicht als schlimm empfunden, sondern fand den Ehrgeiz, die Unterstützung der Ghanaer ihrem Team gegenüber sehr angenehm und ich hab immer den Stolz aus diesem Satz gehört. Die „Blackstars“, wie die ghanaische Nationalmannschaft liebevoll von ihren Fans genannt wird, wurden bzw. werden richtig groß in Ghana gefeiert. Auf den unterschiedlichsten Programmen im TV wurden Berichte über die Blackstars gezeigt, alte Siege wurden gefeiert und es gab sogar gleich zwei Songs für die WM. Jeder liebt die Blackstars! Die Blackstars sollten Ghana berühmt machen, sollten zeigen, dass auch afrikanische Länder weit kommen können. Wie es ausgegangen ist, wisst ihr selber, aber dazu komme ich noch.                                                                                                                   Der Satz“ We will score you“ hat schon direkt nach der Auswahlrunde im Dezember angefangen. Anfangs hab ich das noch gar nicht so wahrgenommen und die WM kam mir noch immer so weit weg vor. Aber je näher der Juni kam, desto häufiger kamen die Sprüche und desto nerviger wurde es. Ich musste immer sagen: Ja wir werden sehen oder wir warten ab, was am Spiel passiert. Und wenn man das Jedem sagen muss, hab ich es als nervig empfunden. Dann kam es immer noch auf meine persönliche Stimmung an, wie ich es aufgenommen habe. Teilweise hab ich Witze gemacht und mit gelacht und andererseits hab ich auch einfach nichts gesagt. Bei diesem Spruch habe ich mich auch in meinem eigenen Stolz auf Deutschland verletzt gefühlt und es ist kein schönes Gefühl in seinem Vaterlandsstolz verletzt zu werden. Es war nicht so, dass ich NUR Deutschland unterstützt habe. Nein, Ghana ist meine zweite Heimat geworden und deswegen habe ich auch Ghana unterstützt. War traurig, dass sie gegen die USA verloren haben. Ich war eben für beide Mannschaften, was allerdings nicht immer ganz verstanden wurde. Allerdings war ich beim Spiel Deutschland-Ghana für Deutschland, aber dazu gleich mehr.

Die Stimmung. Ich hab von der Vorfreude auf die WM wenig mitgekommen. Es kann daran liegen, dass wir keinen Fernseher besitzen, wo viel Werbung gemacht wird und Berichte gezeigt werden. Aber auf den Straßen oder an Werbung auf Produkten, oder Fanaktionen gibt es hier wenig. Auch als die WM angefangen hat, kam erst wenig Stimmung auf. An ein paar Plätzen konnte man Public Viewing machen und auch in jeder Bar oder jedem Spot konnte man Fußball gucken. Doch erst als Ghana das erste Spiel hatte, hat man viel mehr von der Stimmung mitbekommen. An jedem Haus, an jedem Auto waren die ghanaischen Flaggen zu sehen. Viele Menschen sind mit Ghana Trikots rumgelaufen. Und dann auch mit dem ersten deutschen Sieg kam auch bei mir die WM Stimmung auf und ich war aufgeregt auf die nächsten Spiele und hatte ein schreckliches Gefühlschaos wegen des Deutschland-Ghana Spiels.

So kam dann der erste Spieltag von Deutschland. Fünf weiße Mädels saßen in ihren Trikots mit Tröte und Rasseln in einer Bar und haben nachmittags um 4 Uhr Fußball geguckt. Es waren noch fünf weitere Ghanaer da, die auch Deutschland unterstützt haben. 4:0 gegen Portugal, ein klarer Sieg. Danach wurde ordentlich auf der Straße gefeiert. Wir sind lachend, singend und Freude strahlend durch die Stadt gelaufen und haben unser Vaterland gefeiert. Fast jeder hat uns drauf angesprochen und immer wieder: We will score you. In dem Moment war es mir einfach egal. Abends hat dann Ghana gespielt. Es waren so viele Menschen auf der Straße, saßen vor den großen Leinwänden und in den Bars. Wir haben in unserer Stamm-bar geguckt. Es waren so, so viele Ghanaer da und haben ihr Team gefeiert. Das erste Tor hat niemand so wirklich mitbekommen, aber die Stimmung war noch gut, weil das Spiel gerade erst angefangen hat. Die Ghanaer feiern auch, wenn eine gute Aktion war. Wenn es ein guter Schuss war oder wenn der Keeper gut gehalten hat. Wir Deutschen feiern so die Tore unserer 11, die Ghanaer feiern  so eben gute Aktionen. Anfangs hat mich das total verwirrt, da ich nie wusste :Tor oder nicht Tor? Das 1:1 wurde lauthals gefeiert. Alle sind aufgesprungen, haben sich umarmt, haben gesungen und rumgeschrien. Es war einfach eine herrliche Atmosphäre. Der Optimismus war wieder geweckt. Nach dem 2:1 für die USA sind alle nach Hause gegangen und haben nichts mehr gesagt, waren enttäuscht und traurig. Mir tat es echt leid, dass Ghana verloren hat.

Dann kam der große Tag. 21.6.2014. Ich bin mit ein paar deutschen Freiwilligen nach Accra, in die Hauptstadt gefahren. Dort gibt es auch eine Art Fanmeile an der großen Mall. Wir eingepackt in unserer deutsche Trikots, mit Fahne und Deutschlandfahnen auf unseren Wangen bewaffnet sind wir dort hin. An diesem Tag durfte man nicht sagen, dass man aus Deutschland kommt. Wenn man das gesagt hat, hat man wieder den Spruch: We will score you bekommen. Ich wusste nicht, welches Ergebnis ich am besten finden soll und hatte einfach nur Angst. Ich hab mich tierisch gefreut und hab Deutschland unterstützt aber ich hatte auch Angst. Natürlich waren an der Mall nur Ghanaer. Voller Stolz haben sie ihr Team unterstützt und immer an sich geglaubt. Dann ging es los, das Spiel wurde mit jeder Minute nervenaufreibender für mich. 1:0 Deutschland. Sieben weiße Freiwillige schreien und feiern sich. Alle anderen sind ruhig. Das war schon ein echt komisches Gefühl. Wir freuen uns und alle gucken uns nur an. Dann das 1:1. Ich hab gar nichts mehr mitbekommen. Ich wurde einfach nur mitgerissen und bin rumgesprungen, hab gejubelt, war aber gleichzeitig doch geknickt. Mit jeder Minute kam der leise Wunsch hoch: ein Unentschieden soll es werden. Das ist die friedlichste Lösung für alle. Ich hätte es Ghana nicht gegönnt zu gewinnen, weil Deutschland schließlich mein Fanherz gehört. 2:1 Ghana. Ich hab wieder mitgejubelt, habe nichts mehr mitbekommen und hab mich gefreut. Jeder Ghanaer hat jetzt an einen ghanaischen Sieg geglaubt. Gleichzeitig der Wunsch: Deutschland bitte schieß noch ein Tor. Mein Wunsch wurde zum Glück erfüllt. 2:2. Meine Nerven waren am Ende in den letzten Minuten und ich hab mich so sehr gefreut, dass es ein 2:2 geworden ist. Wir deutschen FW haben so gejubelt und uns gefeiert. Aber die Ghanaer waren eher traurig, aber doch nichts zu enttäuscht. Man lag sich gegenseitig in den Armen, hat sich umarmt und sich gegenseitig bejubelt. Es war ein gutes Ergebnis. Mit einigen feierwütigen Ghanaern wurden dann noch Fotos gemacht und gefeiert. Es war einfach ein einmaliges, schönes Erlebnis zusammen mit den Ghanaer ein Unentschieden zu feiern. Niemand war sauer. Alle haben sich gefreut, haben gejubelt und sich gefeiert. Es war einfach schön. Eine schöne Lösung für mein Dilemma. Für Deutschland sah es gut aus für das Achtelfinale, für Ghanaer dann nicht so. Nach dem Spiel wurde dann in Accra noch gefeiert.

Was ich nach dem Spiel dann nicht so, sage ich mal, nett fand, war: Ich musste mir immer noch anhören: Wir haben gegen euch gewonnen. Aber hey, das stimmt nicht. Unentschieden ist nicht gewonnen. Oder: das nächste Mal gewinnen wir dann. Ich fand es so schade, dass die Ghanaer dann nicht akzeptieren, dass Deutschland eine starke Mannschaft ist und dass Ghana dann vielleicht doch keine Chance hat. Diese Einstellung fand ich echt enttäuscht und war darüber auch nicht gut gestimmt.

Das letzte Spiel der Vorrunde: Deutschland schlägt die USA und ist somit weiter. Ghana verliert gegen Portugal und ist somit raus. Ich hab mich natürlich sehr gefreut, dass Deutschland weiter ist. Schade für Ghana, aber hey: So spielt das Leben. Die Stimmung war natürlich gedrückt und jetzt ist die WM Stimmung auch etwas abgeflaut und man bekommt nur noch wenig von der WM mit. Natürlich ist die Stimmung in Accra noch anders als bei mir in der Kleinstadt oder auf dem Land.

Ihr merkt wahrscheinlich, dass sich meine Einstellung Ghana zu unterstützen sich im Laufe der Spiele geändert hat. Das stimmt auch und da bin ich auch ganz ehrlich. Ich liebe Ghana und ich habe sie auch gerne unterstützt, aber ich konnte einfach die Sprüche nicht mehr mit anhören. Immer wieder: We will score you. Es wurde dann schon sehr überheblich und das mag ich gar nicht. Manchmal kam es mir so vor, als würde Ghana sich für besser halten. Aber hier muss ich ganz klar sagen, dass sich MEINE Empfindungen, MEINE Sicht der Dinge. Es gibt natürlich andere deutsche Freiwillige, die das alles anders sehen, deswegen soll das hier keine Kritik an Ghana werden. Es sind nur meine Eindrücke, die ich hier schilder.

Für mich war es eine wirklich neue Erfahrung diese WM. Man kann sich nicht so leicht auf die Seite einer Mannschaft stellen. Man ist irgendwie für beide, weil ich natürlich Ghana auch lieben gelernt habe. Aber letztendlich war ich dafür, woher ich auch komme. Dazu kommt immer das angeguckt werden, immer drauf aufmerksam gemacht werden woher man doch kommt. Dann in einer Bar zu sitzen, mit Deutschlandtrikot doch als Außenseiter zu gelten. Das war neu und es war auch komisch. Man will so unbedingt, dass Deutschland gewinnt, weil man stolz drauf sein will, weil man sich nichts anhören will. So fieber ich nur noch mehr mit und bin am verzweifeln, wenn Deutschland nicht das Tor trifft. Ich war immer irgendwie zwiegespalten. Irgendwie ist es nur noch mit Deutschland bei der WM leichter für mich. Mein Herz schlägt ein Stück weit mehr Schwarz-Rot-Gold. Es ist aber echt wunderbar die WM hier in Ghana verbringen zu können. Ich habe auch eine ganz neue Erfahrung gemacht, wie Ghanaer den Fußball feiern und auch ohne nicht können. Wir stolz Ghanaer wieder auf ihr Vaterland sind und auf ihre Blackstars. Es war wirklich toll zusehen, wie Ghanaer ein Tor feiern oder beim Spiel mit fiebern. Doch letztendlich, nach ein paar Tagen der Akzeptanz: Ghana ist draußen, sind sie fair und akzeptieren irgendwie doch, dass es diesmal nicht ganz gereicht hat zum weiterkommen, vielleicht das nächste Mal!

Ich freu mich auf die weiteren Spiele der WM und hoffe jetzt, dass Deutschland gegen Frankreich gewinnt! 

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